Dieser Text wurde vor 20 Jahren in der Fachzeitschrift „der arbeitsmarkt“ publiziert und erinnert an meinen Lehrabschluss vor nunmehr 50 Jahren.
Meine finstere Vergangenheit
Erinnerungen an den Einstieg in die Berufswelt als Fotografenlehrling und die zeitweise dunkle Vergangenheit im etwas anderen «Rotlichtmilieu».
Der Berufsberater wusste damals nicht so recht, was er mit mir anfangen sollte. Mit meinen 15 Jahren galt ich als Spätentwickler und wusste eigentlich auch nicht so genau, was ich denn beruflich wollte. Radiomoderator, Drogist und Fernsehelektroniker waren schon «beschnuppert» und aus verschiedenen Gründen aus dem Rennen gefallen. Dass ich seit jungen Jahren gerne und, wie er meinte, gut fotografierte, war meinem Vater im Verlauf meiner Berufswahl-Odyssee in den Sinn gekommen. Also galt es, einen Lehrmeister davon zu überzeugen, was schliesslich auch gelang. Die Fotografie wurde zu meinem Beruf.
Die Dunkelkammer war während fünf Berufsjahren mein täglicher Rückzugsort aus der audiovisuellen Hektik von Studioscheinwerfern und Blitzlicht. Vor allem lernte ich, dass es neben Schwarz-Weiss auch unzählige Graustufen gibt. Heute noch bin ich ganz real für diese (auch) metaphorische Weltsicht dankbar.
Nur schon der Begriff «Dunkelkammer» ist differenzierungsbedürftig. Wir gingen jeweils ins «Labor» und unterschieden hierbei zwischen dem Negativ- und dem Positivprozess. Bei der Filmentwicklung muss es zeitweise völlig dunkel sein. Wenn die Filme dann im Entwicklerbad schwammen, wo sie dazu noch stetig bewegt werden mussten, um die Bildung von Schlieren und Luftbläschen zu vermeiden, konnte ein schwaches, dunkelgrünes Licht eingeschaltet werden. Bei der Arbeit im Positivlabor, also an den Vergrösserungen, gab es rotes oder gelboranges Licht. Je nach Lichtempfindlichkeit der Emulsionen auf dem zu belichtenden Papier. Komplette Dunkelheit herrschte beim Öffnen der Filmpatronen (Kleinbild- und Mittelformatrollfilme) und beim Laden beziehungsweise Entnehmen der sogenannten Planfilme aus den Filmkassetten (10x15cm bis 18×24 cm) für die Grossformat-Fachkameras. Da war äusserste Sorgfalt angesagt, galt es doch auch, schnelle Bewegungen zu vermeiden, die zu statischen Entladungen und somit zu Blitzen führen konnten, welche die Filme ruiniert hätten. Von der Verkratzungsgefahr der lichtempfindlichen Schicht eines Negativs ganz zu schweigen. Fingerspitzengefühl gehört in diesem Metier, hinter der Kamera und im Labordunkel. ebenso zwingend zum Anforderungsprofil wie Kreativität und Ordnungssinn, auch wenn sich dies auf den ersten Blick zu widersprechen scheint.
Die einzelnen Arbeitsschritte mussten minutiös vorbereitet werden. Alle nötigen Hilfsmittel und Werkzeuge wurden vorher bereitgelegt – immer an derselben Stelle und in gleicher Reihenfolge, damit sie im Dunkeln ertastet und benutzt werden konnten. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen am gedeckten Frühstückstisch, schneiden Ihr Frühstücksbrot, streichen Butter und Konfitüre drauf, essen es und trinken dazu Ihren Kaffee – und das alles mit geschlossenen Augen. So lässt es sich einigermassen nachvollziehen, wie im Dunkeln gearbeitet werden muss – sehr vorsichtig! Leicht vorzustellen, was passiert, wenn einmal etwas schiefgeht. Und es geht mit Garantie irgendwann einmal etwas schief. Vielleicht fällt eine Schere zu Boden oder, noch schlimmer, ein Kleinbildfilm rutscht einem nach dem Öffnen der Filmpatrone mit einer Art Flaschenöffner aus den Händen. Ein Filmstreifen von etwa 180 Zentimetern Länge liegt dann abgerollt irgendwo neben oder zwischen Ihren Füssen. Sie haben noch exakt zweieinhalb Minuten Zeit, um die sechs bereits im Entwicklungsbad hängenden Filme herauszunehmen. Dieser gut hüfthohe, meist tiefer in den Boden eingelassene Tank befindet sich vier Schritte nach rechts und zwei Schritte nach vorne entfernt. Die Hände werden zu Ihren Augen und der Respekt vor unseren blinden Mitmenschen wächst mit jeder Laborstunde. Die sechs in Entwicklung begriffenen Filme kommen dann nach rechts in den nächsten Tank mit dem Stoppbad, wo der Entwicklungsvorgang unterbrochen wird, und anschliessend nach etwa drei Minuten weiter rechts in den Fixiertank. Diese Chemikalien machen die geschwärzten Silberbromide auf den Negativen während zehn Minuten lichtfest und damit den Griff zum Lichtschalter gefahrlos. Nur nirgends anstossen oder die nassen Filme aneinanderkleben lassen! Die Negativfilmstreifen oder die Planfilme werden während einer halben Stunde «gewässert», das heisst, von Chemikalienresten befreit. Anschliessend wird das entwickelte Filmmaterial zum Trocknen in einem belüfteten Schrank aufgehängt. Dummerweise liegt jetzt aber dieser Filmstreifen irgendwo am Boden und Licht ist tabu. Wenn wir zum Beispiel des Frühstückstischs zurückkommen, dann stellen Sie sich vor, Ihnen wäre, mit nach wie vor geschlossenen Augen, das Butterbrot auf den Boden gefallen, und schon befänden Sie sich ziemlich genau in der Gefühlslage wie ich als Jungfotograf damals bei meiner ersten grossen Panne. Nicht gerade das, was man als «magic moment» bezeichnet. Umso mehr, wenn es sich, wie etwa bei einer Hochzeitsreportage, um nicht wiederholbare Aufnahmen handelte.
Das Vergrösserungslabor hatte da schon eine andere, weniger nervenaufreibende Qualität. Das langsame Entstehen des Bildes auf dem Papier in der Entwicklerschale konnte immer wieder von neuem bezaubern. Hier ist der Fotograf mit seinem Sujet ganz alleine und erlebt, wie das Bild, das er vor seinem geistigen Auge bereits kreiert und mit der Kamera auf den Film belichtet hat, in der realen Welt vom Negativfilm auf das Papierpositiv belichtet, langsam aus dem Nichts auftaucht. Die konzentrierte Ruhe im Labor und die besonders zur Sommerzeit wohltuende Kühle im schwach beleuchteten Raum hatten eine beinahe meditative Komponente. Musik im Labor war bei meinem Lehrmeister, einem der letzten der patriarchalischen alten Schule, verpönt. Ich war sein letzter Lehrling, bevor er sich zur Ruhe setzte, und ich habe meinen ersten eidgenössischen Fähigkeitsausweis vor nunmehr exakt einundvierzig Jahren in Empfang nehmen dürfen. Der berufliche Weg hat mich über das Filmhandwerk zum Fernsehen und später in die Erwachsenenbildung, das Coaching und schliesslich in die Sozialarbeit geführt. In einem Fotolabor war ich seit Langem nicht mehr – eigentlich schade.
Heute gibt es lichtdichte Maschinen, die diese Arbeiten vollautomatisch erledigen. Die Digitalfotografie verdrängt die Analogtechnik rasant. Was einst analog als Filmkorn bekannt war, ist heutzutage das digitale Pixel. Der Zauber scheint ein wenig verloren gegangen zu sein. Tempi passati – all things must pass! Was bleibt, sind viele, manchmal vielleicht etwas gar positiv verbrämte Erinnerungen an eine lehrreiche Zeit, in der mir beigebracht wurde, alle Sinne zu benutzen, farbig zu denken und neben den unterschiedlichsten Helligkeiten auch alle Schattierungen zu berücksichtigen. So gesehen finde ich, dass einem auch bei der Arbeit im Dunkeln einige Lichter aufgehen können. Diese Erkenntnis kann ich auch heute als Coach und Berater jeden Tag von neuem nutzen.
André Häring
Programmleiter «der arbeitsmarkt»
